Posted by on Dub 20, 2019 in Deutsch | 0 comments

Staatsanwalt ermittelt: „Bild“, Kai Diekmann und der Wunder-Krebstest

Staatsanwalt ermittelt: „Bild“, Kai Diekmann und der Wunder-Krebstest

Vor zwei Monaten verkündete die „Bild“-Zeitung eine „Weltsensation“, die jedoch gar keine war — und die sich zu einem wissenschaftlichen und journalistischen Skandal entwickelte, zu dem inzwischen sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt. Beteiligte, unter anderem: die Uniklinik Heidelberg, ein chinesisches Pharmaunternehmen und Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann.

Eine Chronik.

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21. Februar 2019: Exklusiv bejubelt die „Bild“-Zeitung auf der Titelseite eine „Weltsensation aus Deutschland“:

Es sei „ein echter Durchbruch“, heißt es da, eine „medizinische Sensation“:

Seit vielen Jahren wird daran geforscht, Krebs im Blut zu erkennen. Ärzte der Universitätsklinik Heidelberg erreichten jetzt revolutionäre Ergebnisse: Sie weisen mit einem Test Brustkrebs im Blut nach. Und zwar mit einer Treffsicherheit, die vergleichbar ist mit der einer Mammografie! Wie BILD exklusiv erfuhr, soll der Bluttest noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.

Im Innenteil: ein großes Interview mit Christof Sohn, dem Geschäftsführenden Ärztlichen Direktor der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg.

Darin darf er den Bluttest ausführlich bewerben: viel sicherer als bisherige Tests, hohe Treffsicherheit, besonders gut für Risikopatientiennen, und so weiter und so fort.

Am selben Tag gibt die Uniklinik eine Pressemitteilung heraus, in der sie die „neue, revolutionäre Möglichkeit“ des Bluttests noch einmal selbst feiert: „Dies ist ein Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“, schreibt sie.

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21. bis 27. Februar 2019: Andere Medien greifen die Geschichte auf. Dabei melden einige schon Zweifel an, etwa „Spiegel Online“ oder die „Zeit“. Viele aber, etwa „Focus Online“ oder „DerWesten“, verlassen sich blind auf „Bild“ und bezeichnen den Bluttest ihrerseits als „Sensation“, „Durchbruch“ oder „Revolution“.


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27. Februar 2019: Sieben renommierte Verbände, von der Deutschen Krebsgesellschaft über die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe bis zur Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, geben eine gemeinsame Stellungnahme heraus, in der sie die Berichterstattung kritisieren:

Eine Berichterstattung, die ohne Evidenzgrundlage Hoffnungen bei Betroffenen weckt, ist aus unserer Sicht kritisch zu bewerten und entspricht nicht den von uns vertretenen Grundsätzen medizin-ethischer Verantwortung.

Es sei einfach noch zu früh für Jubelstimmung, so die Experten: Die Studie sei „noch nicht abgeschlossen, die Ergebnisse sind nicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert und der Test noch nicht zugelassen“. Daher „halten wir Schlussfolgerungen über die Validität und den klinischen Nutzen für verfrüht und raten ausdrücklich davon ab, diagnostische oder therapeutische Entscheidungen basierend auf Blutuntersuchungen zu treffen, die nicht von nationalen oder internationalen Leitlinien empfohlen werden.“

In den nächsten Tagen häuft sich die Kritik an der „Bild“-Berichterstattung, aber auch am Vorgehen der Heidelberger Forscher. So schreibt etwa Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:

Nach üblichen wissenschaftlichen Standards veröffentlichen Forscher zuerst eine Studie in einer Fachzeitschrift, die dort begutachtet wird, und gehen erst dann an die Presse. Beim Bluttest wurde dieser Standard nicht eingehalten. Die Heidelberger Forscher sind zuerst medienwirksam zur BILD-Zeitung gegangen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung liegt nicht vor.

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8. März 2019: Der Journalist Jan-Martin Wiarda berichtet in seinem Blog und bei den „Riffreportern“ ausführlich über den Fall und deckt weitere Merkwürdigkeiten auf. „Welche Rolle spielt das Joint Venture mit einem chinesischen Pharma-Unternehmen?“, fragt er unter anderem, denn: Partner der Uniklinik sei ein chinesisches Pharmaunternehmen, dessen Aktienkurs seit einigen Tagen, insbesondere seit der gehypten Berichterstattung über den Bluttest, einen steilen Anstieg zeige.

Erstmals äußert sich auch Christof Sohn, der Geschäftsführende Ärztliche Direktor der Universitäts-Frauenklinik, der von „Bild“ groß interviewt wurde, zur Formulierung „Weltsensation“: Diese Schlagzeile sei nicht angebracht gewesen, er habe sie vor Veröffentlichung auch nicht gekannt, und er und seine Kollegen hätten sie „in dieser Form“ nicht mitgetragen.

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20. März 2019: Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ („RNZ“) steigt in die Berichterstattung ein und leistet in den darauffolgenden Wochen ausgezeichnete journalistische Arbeit; ihre zahlreichen Artikel sind unter rnz.de/heiscreen nachzulesen.

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22. März 2019: Der Aktienkurs des chinesischen Pharmaunternehmens erreicht den höchsten Stand seit acht Monaten. Seit dem 21. Februar, dem Erscheinungstag des „Bild“-Artikels und der Pressemitteilung der Uniklinik, ist der Kurs um fast 60 Prozent gestiegen:

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23. bis 29. März 2019: Die Kritik reißt nicht ab. Das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg erklärt in der „RNZ“, dass die „verfrühte Kommunikation nicht den hohen Ansprüchen an eine verantwortungsvolle Wissenschaftskommunikation entspreche“. Gerade im medizinischen Bereich, „der für die Betroffenen mit so viel Ängsten und großer Hoffnung verbunden ist, darf es keine Effekthascherei geben“. Auch die Heidelberger Universität teilt mit, dass sie „eine umfassende Klärung der Vorgänge für zwingend erforderlich“ halte.

Die Uniklinik ist derweil um Schadensbegrenzung bemüht. Sie „bedauert, dass es zu Irritationen gekommen ist“ und verkündet die Gründung einer internen Arbeitsgruppe und einer externen Expertenkommission, die die Vorgänge aufarbeiten sollen.

Außerdem distanziert sie sich von der PR-Strategie zum Bluttest: Die Medienbegleitung habe die Heiscreen GmbH verantwortet, sagt die Kliniksprecherin der dpa. (Die Heiscreen GmbH wurde 2017 gegründet und soll den Bluttest in Deutschland vermarkten. Hauptanteilseigner ist eine Tochterfirma der Uniklinik, weitere Anteile hält über eine Beteiligungsgesellschaft der schillernde Unternehmer Jürgen Harder. Auch der von „Bild“ interviewte Christof Sohn und eine weitere Ärztin der Uniklinik sind an der Heiscreen GmbH beteiligt.)

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30. März 2019: Der „Spiegel“ berichtet über „Das Märchen vom Wundertest aus Heidelberg“ und bringt einen alten Bekannten ins Spiel:

Wie die angebliche Weltsensation am Ende genau in der „Bild“-Zeitung landete, ist zwar nur schwer nachzuvollziehen. Fest steht aber: Ohne Zustimmung vonseiten des Universitätsklinikums ist dies nicht geschehen. Auch ein weiterer Bekannter Harders war daran offenbar beteiligt: Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, der sich dazu nicht äußern will. Aber was wäre der Mann für ein Journalist, wenn er sich nicht dafür einsetzen würde, dass ein Thema, das ihm am Herzen liegt, in seine alte Zeitung kommt?

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4. April 2019: Die Uniklinik erstattet Anzeige gegen Unbekannt — warum genau, wird allerdings nicht klar. In einer Pressemitteilung teilt sie lediglich mit, dass sie sich „aufgrund der Anzeichen eines unlauteren Vorgehens bei der Entwicklung und Ankündigung“ des Bluttests zu diesem Schritt veranlasst sehe. Der Sprecher der Heidelberger Staatsanwaltschaft erklärt in der „RNZ“, in der eingegangenen Anzeige stünden „weder der vermutete Tatbestand, noch weitere Hintergründe zum Sachverhalt, noch Personen, gegen die sich die Strafanzeige richtet.“ Das sei sehr ungewöhnlich. Sollte sich jedoch ein Anfangsverdacht ergeben, werde die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnehmen.

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6. April 2019: Die „RNZ“ berichtet, dass Vorstand und Pressestelle des Klinikums „sehr frühzeitig in die unseriöse PR-Kampagne eingeweiht“ waren. So sei das „Bild“-Interview …

sowohl von der Pressestelle der Uniklinik als auch von zwei Vorständen gegengelesen worden. Achtete die Ärztliche Direktorin Annette Grüters-Kieslich auf inhaltliche Korrekturen, so freute sich der Dekan der Medizinischen Fakultät, Andreas Draguhn, über die wissenschaftliche Korrektheit: „Präziser, als ich es ‚Bild‘ zugetraut hätte“.

Auch die Pressemitteilung der Klinik sei „in großer Runde abgesprochen“ worden. Der Entwurf sei unter anderem an Kai Diekmann geschickt worden.

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11. April 2019: Die „RNZ“ geht genauer auf die Rolle Diekmanns ein:

Kai Diekmann war von 2001 bis 2015 Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. 2018 startete er mit dem Investmentbanker Lenny Fischer den „Zukunftsfonds“. Die Markenstrategie für diesen Kapitalanlagefonds entwickelte die Digitalagentur „diesdas.digital“ — die auch für die Heiscreen GmbH den Internetauftritt machte. Diekmann war „bei mehreren Treffen“ in Sachen Brustkrebstest dabei, wie er der RNZ sagte, „aus Interesse“. Finanziell beteiligt sei er aber nicht. Jürgen Harder bezeichnet er gegenüber der RNZ als „persönlichen Freund“.

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11. April 2019: Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf. Genauer: die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim. Die Anweisung dazu habe die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe erteilt, schreibt die „RNZ“:

Hintergrund der Ermittlungen soll unter anderem der Verdacht auf Kursmanipulation und Insiderhandel mit Aktien sein. Die „Bild“-Schlagzeile „Weltsensation aus Heidelberg“ könnte in diesem Szenario eine gewichtige Rolle spielen, weil sie womöglich den Kurs einer Aktie in China beflügelt hat. Zwar gibt man sich bei der Justiz bedeckt und verweist lediglich auf erste Erkenntnisse durch die Berichterstattung der RNZ — ermittelt wird schließlich „in allen rechtlichen Belangen“. Dennoch kam schnell der Verdacht auf, dass hinter dem „Bluttest-Skandal“ im Grunde ein Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz stecken könnte.

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14. April 2019: In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ („FAS“) kritisiert die Leitende Ärztliche Direktorin des Klinikums, Annette Grüters-Kieslich, die Wortwahl der „Bild“-Zeitung:

„Die Schlagzeile einer Boulevardzeitung, die von einer Weltsensation in diesem Zusammenhang sprach, hat mich betroffen gemacht. Als Ärztin und Wissenschaftlerin hätte ich niemals von einer Weltsensation gesprochen; ich habe eine solche Wertung stets als vollkommen irreführend angesehen.“ Man sei damit befasst, die Verantwortlichkeiten zu klären und werde die Öffentlichkeit so schnell wie möglich informieren.

Zudem deckt die „FAS“ neue Details auf. So sei für die PR-Kampagne unter anderem Christina Afting zuständig gewesen — die frühere Büroleiterin von Kai Diekmann bei „Bild“. Mit der „Bild“-Berichterstattung, so Afting, habe sie jedoch nichts zu tun gehabt. Laut „FAS“ soll die PR-Kampagne etwa 80.000 Euro gekostet haben.

Neben den Staatsanwälten aus Mannheim würden sich demnächst auch Spezialermittler des Landeskriminalamtes mit dem Fall befassen, schreibt die „FAS“.

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Heute: Noch sind eine Menge Fragen offen. Fest steht aber: Viele Details wären ohne die hartnäckige Arbeit einiger Journalisten, vor allem von „Riffreporter“ Jan-Martin Wiarda und den Journalisten der „Rhein-Neckar-Zeitung“, wohl nie an die Öffentlichkeit gelangt. Und: Obwohl die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung, insbesondere die Bezeichnung als „Weltsensation“, von Experten als verantwortungslos und selbst von der Klinikleitung als „vollkommen irreführend“ gewertet wird, steht sie auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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